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Dunkle Nacht - Shiatsu und die Dunkelheit

Rundherum Weihnachtszauber und Sternenglanz, Zimtgeruch und Nostalgie. Mittendrinnen Dunkelheit. Eine Zeit, der finsteren und kalten Tage, in der viele Menschen noch mehr mit den Schattenseiten des Lebens konfrontiert werden. Schicksalsschläge, Depressionen, Angst und Sorgen finden viel Platz, wenn das Licht auf sich warten lässt. Nicht jeder kann eintauchen in die Romantik. So mancher geht unter, in Gefühlen, für die es kaum Worte gibt. Shiatsu kann in dieser Zeit unterstützten, mit diesen Gefühlen in Berührung zu kommen.


Die Dunkelheit annehmen – ertragen werden mitten im Unerträglichen


Robert hat schon lange nicht mehr richtig geschlafen. Angst, Ruhelosigkeit und Trauer sind vor allem in der dunklen Jahreszeit seine treuen Begleiter. Seine Geschichte ist niederschmetternd. Es fehlen die Worte. Ich neige mein Haupt vor ihm und sage: „Ich arbeite sehr gerne mit ihnen. Ich kann einfach DA sein. Shiatsu braucht keine Worte, aber es kann helfen sie zu finden.“ Robert ist auf der Suche. Die Gefühle sind ambivalent, er will loslassen, aber auch nicht, weil das Thema nicht gehen kann. Er will angenommen werden, will sich konfrontieren, mit all dem, was ist. Auf seine Weise. Aber wem kann er sich zumuten? Er will ertragen werden, mitten im Unerträglichen. Es nicht wegreden, „schönplaudern“ oder aufgeheitert werden.

 

Es gibt keine Lösung für das aktuelle Lebensthema. Es ist einfach zu überwältigend. Sein tiefes Bedürfnis ist: Wer bleibt mitten im Schmerz bei mir? Wie kann ich selbst im Schmerz bleiben? Wie ihn aushalten? Er erspürt mit mir gemeinsam, wo in seinem Körper sich der seelische Schmerz am Stärksten zeigt. Dabei ist immer er der Meister und bestimmt die Situation. Und die Berührung bleibt, aufmerksam und ohne zu fordern, ohne zu wissen, hört die Berührung zu. Ich lade ihn ein, das Gespürte in Worte zu fassen, es ganz genau zu empfinden und zu formulieren. Gemeinsam halten wir aus, was sich zeigt. Wir reden nicht über die Wucht des Lebens, sondern ausschließlich über diese eine Stelle. Farben, Formen, Gefühle, die hochkommen, Bilder, Gestalten. Die Berührung hält. Robert horcht und spürt, was sich verändert, wenn er ganz in dem Gefühl verweilt, es annimmt und zu integrieren beginnt. Die Berührung hält beständig. Sie drängt nicht nach Veränderung.

 

Konstant tragen die Hände Robert durch die Situation. Und plötzlich kommt deutlich eine neue Bewegung in seinen Körper, dann kehrt mehr Ruhe ein, die Atmung wird tiefer. Robert kann die Veränderung im Körper wahrnehmen, er kann sich spüren. Der Raum fühlt sich weiter an. Ein Prozess beginnt.


Das Licht erkennen lernen – spüren, wo die Dunkelheit zu Ende ist


Herta nimmt das Leben, wie sie selbst sagt, nicht so leicht. Doch gerade in den dunklen Monaten bekommt es für sie eine ganz besondere Schwere. Irgendwie, meint sie, sei sie eine komplette Baustelle, immer so verkrampft, mental und körperlich. Alles täte ihr weh.

Alles? Wir suchen nach einer Stelle, die sich gut anfühlt, eine Stelle, die NICHT weh tut. Es dauert eine ganze Weile, bis Herta so eine Stelle findet. Und wir einigen uns darauf, dass diese Stelle sich nicht gut, aber nicht so schlimm, wie der Rest anfühlt. Wir widmen uns ganz und gar diesem ungewohnten Puzzlestein im Körper. Erfassen, dass es verschiedene Teile gibt. Nicht alles schwer ist, einiges leichter. Immer wieder lade ich sie ein, während der Einheit diesen Ort aufzusuchen. Zu überprüfen, ob es andere Stellen im Körper gibt, die dieser einen Teil ähnlich sind.

 

Immer wieder aber machen sich die Schwere und der Schmerz sich bemerkbar und überlagern alles. Es ist nicht leicht das Licht zu sehen, wenn man sich so an die Dunkelheit gewöhnt hat. Manchmal ist es der kleine Finger, vielleicht ein Punkt am Rücken oder einfach nur das Kopfhaar. Eventuell fühlt sich der Pullover angenehm auf der Haut an, oder die Oberschenkel vermitteln ein Gefühl von Stabilität. Irgendetwas im Körper ist leichter als der Rest. Sabine ist verwundert, denn sie merkt, dass sie kaum formulieren kann, wie sich ihre guten Stellen anfühlen. Nicht nur das Leichte zu spüren, fällt ihr schwer, sondern auch Worte dafür zu finden. Dennoch konnte sie spüren, dass sie da sind. Bis zum nächsten Termin versucht sie dieses Gefühl immer wieder aufzusuchen, um ihren Körper nach und nach an neue Perspektiven zu gewöhnen. Auf der Suche nach mehr Licht beginnt sie ihren Fokus langsam zu verändern.


Zwischen Licht und Schatten wechseln – beide Seiten annehmen


Das Ganze ist immer ganz! Es gibt kein Licht ohne Schatten. Beides darf seinen Platz finden. Gesundheit bedeutet nicht, dass jegliche Dunkelheit aus unserer Seele verbannt wird. Dieses Bestreben ist aussichtslos, gerade dann, wenn einem die Finsternis so vertraut ist. Wer schwere Lebensthemen hat, kann sie nicht einfach mal wegdenken, wegspüren, wegrationalisieren. Aber wir können der Dunkelheit einen Platz geben, bemerken, dass es dabei ganz viele Schattierungen von Schwarz bis Hellgrau gibt und das Licht wieder spüren lernen. Soviel wie wir eben ertragen können und so viel Licht wir ganz persönlich brauchen. 

 

Shiatsu bietet eine optimale Begleitung bei diesem Prozess des Integrierens. Dazu nutzen wir den Tastsinn, den ältesten unserer Sinne. Aufmerksame Berührung, die neutral das Geschehen begleitet, kann uns auf der innersten Bedürfnisebene nähren. Absichtslos berührt werden, ohne bewertet oder verändert werden zu wollen, führt uns an den Kern unserer Persönlichkeit. Entspannung kann entstehen, auch mitten in düsteren Gedankenwolken oder Schmerz. Die Lösung geschieht in der Dunkelheit, oder mit ihr, denn sie darf auch sein. Shiatsu widmet sich dem was IST. Und dazu gehört ein Teil der Fülle und einer der Leere. Können diese Teile wieder ineinander greifen, kann Bewegung und Veränderung geschehen. Etwas zu spüren, egal was, es benennen dürfen, hilft das Wahrgenommene für wahr zu nehmen. Es unterstützt die Selbstbestimmung und das Bewusstsein, dass es eine einzigartige, individuelle Lösung in einem selbst gibt. Durch die Berührung, kann man mit sich selbst wieder in Kontakt kommen. Rotationen, Bewegungen und Dehnungen schaffen Raum.

 

Die Schwerkraft des eigenen Körpers am Boden auf der Matte zu bemerken. Festgehalten und Losgelassen zu werden. Ausgehalten, mit all dem was man gerade selbst an sich nicht aushält. Und spüren was sich verändert. Und plötzlich ist da mehr, als nur Dunkelheit.

 


Literatur, die ich zu dem Thema interessant finde


Kersig, Susanne (2009): Entspannt und klar. Freiraum finden bei Stress und Belastung. 2. Auflage, München: Arkana Verlag

 

Allione, Tsültrim (2009): Den Dämonen Nahrung geben. 1. Auflage, München: Arkana Verlag

 

Dahlke, Ruediger (2010): Das Schatten-Prinzip. Die Aussöhnung mit unserer verborgenen Seite. 9. Auflage, München: Arkana Verlag

 


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Kommentare: 3
  • #1

    Birte (Dienstag, 11 Dezember 2018 09:23)

    Wow. Noch nie habe ich irgendwo gelesen oder gehört, dass jemand so einfühlsam und berührend Shiatsu „erklärt“...
    Ich glaube, erst jetzt fange ich an, zu begreifen.
    Danke für diesen wundervollen Beitrag.

  • #2

    Heike Kaster (Dienstag, 11 Dezember 2018 10:43)

    Danke, dass du mich mit auf diese Reise genommen hast. Durch deine Worte fühlt sich Shiatsu nach einer großen Bereicherung an. Manche Menschen können sich nicht in Worten ausdrücken. Und genau an diesem Punkt berührst du die Menschen und schenkst ihnen Veränderung. Begleitest sie auf dem Weg aus der Dunkelheit ins Licht. Säst den Funken Licht, der Hoffnung bedeutet. Ich bin zutiefst gerührt und berührt von dem, was du tust. DANKE für dein Sein.

  • #3

    Marina (Dienstag, 11 Dezember 2018 20:01)

    Das ist eine so einfühlsame Erklärung von Shiatsu und wie Du sie offensichtlich praktizierst. Schade, dass ich nicht in Deiner Nähe wohne. Danke